Die Cholsäure
Die Cholsäure
Heinrich Wieland
04.06.1877 (Pforzheim) - 05.08.1957 (Starnberg bei München)
Foto: Eva Lynen

Heinrich Wielands Vater Theodor wurde am 26. Juni 1846 als Sohn des evangelischen Pfarrers Heinrich Wieland und dessen Frau Katharina geboren. Die Familie lebte in Schlat, einer kleinen Ortschaft nahe Göppingen am Rande der Schwäbischen Alb gelegen, deren rund 1.000 Einwohner überwiegend in der Landwirtschaft mit Schafzucht, Pferdezucht und Obstanbau beschäftigt waren. Theodor Wieland ergriff nicht, wie viele seiner Vorfahren, den Pfarrersberuf, sondern erlernte in einer Göppinger Apotheke den Beruf des Apothekergehilfen. An­schließend studierte er von 1866 bis 1869 in Tübingen Chemie und schloss das Studium mit der Promotion ab.

Nach dem Studium siedelte er nach Pforzheim um. Im Sommer 1870 wurde er zum Militärdienst einberufen und nahm am deutsch-französischen Krieg 1870/71 teil. Nach Kriegsende trat Theodor Wieland in die Pforzheimer Probier- und Scheide­anstalt Artur Steinmann ein. Möglicherweise bestand dieses Arbeitsverhältnis bereits vor seiner Militärzeit. Die Firma mit Sitz in der Nähe des Pforzheimer Stadtbades analysierte die in der Schmuckbranche verwendeten Legierungen, die überwiegend aus Gold und Silber bestanden, und gewann daraus die einzelnen Edelmetalle zurück. In jener Zeit erlebte die Wirtschaft in Deutschland einen vorher nicht ge­kannten Aufschwung. Dieser so genannte „Gründerboom“ entwickelte sich durch die Euphorie der Reichsgründung und die damit wegfallenden Zollgrenzen innerhalb Deutsch­lands. Zusätzlich brachten die Milliarden Francs französischer Repara­tionszahlungen weitere Kaufkraft. Die Nachfrage nach Schmuck stieg gewaltig an und führte in Pforzheim allein im Jahr 1871 zu 250 Betriebsgründungen. Bei Theodor Wieland stellte sich auch privates Glück ein. An Weihnachten 1873 heiratete er die aus Herrenalb stammende Pfarrerstochter Elise Blum, mit der er seit Weihnachten 1871 verlobt war.

Im Mai 1873 brachen die Finanzmärkte in Folge des Wiener Börsenkraches welt­weit ein. Es folgte eine rund 20 Jahre andauernde wirtschaftliche Rezession, die als „große Depression“ des 19. Jahrhunderts in die Wirtschaftsgeschichte einging. Diese Entwicklung traf auch die Schmuckbranche und führte in Pforzheim zu zahlreichen Betriebsschließungen. Gleichzeitig sank die Gesamtlohnsumme von 8,5 Millionen Mark im Jahr 1873 auf drei Millionen Mark im Jahr 1880, was einem heute unvor­stellbaren Rückgang auf 35 % entspricht. Angesichts dieser Entwicklung sahen viele Menschen für sich keine Zukunft mehr und wanderten aus. Die Zahl der Aus­wanderer mit dem Ziel Amerika erreichte nach dem Jahr 1880 wieder einen Höhe­punkt.

Theodor Wieland stieg in dieser wirtschaftlich extrem schwierigen Zeit im Jahr 1876 zum Prokuristen und einige Jahre später zum gleichberechtigten Gesellschafter in der Firma auf. Kurz danach übernahm er die Firma, die nun unter der Bezeichnung „Probier- und Scheidanstalt Dr. Theodor Wieland“ firmierte. Für die Geschäfts­übernahme waren mit dem Vorbesitzer Steinmann Ratenzahlungen über einen Zeitraum von 20 Jahren vereinbart. Offenbar konnte Theodor Wieland dieses Kapital nicht erwirtschaften und benötigte einen Kredit seines Bruders Heinrich, der eine vermögende Frau geheiratet hatte. In der Familie Wieland kursiert die Erzählung, dass Elise Wieland ihren Schwager in Stuttgart besuchte und diesen mit einem demütigenden Kniefall um 40.000 Mark Vorschuss bat. Trotz dieser Finanzhilfe entging die Firma Dr. Theodor Wieland nur knapp einem Konkurs und das Vermögen des Bruders wurde aufgebraucht. In jener Zeit änderten sich auch die Produktions­verfahren in der Schmuckbranche. Vor der Depression bestand der Schmuck in der Regel aus sehr goldhaltigen Legierungen. Danach wurde verstärkt so genannter Doublé-Schmuck hergestellt, beim dem nur noch eine dünne Goldschicht auf die Oberfläche eines billigen Grundmetalls, meist aus Kupferlegierungen, aufgewalzt wurde. Aus diesen Materialien war das Gold nicht mehr wie früher mit Säuren wirt­schaftlich sinnvoll herauszulösen, sondern die Materialien wurden in Schmelzöfen aufgearbeitet. Dazu verfrachtete die Firma Wieland ihre aufzuarbeitenden Abfälle jahrzehntelang zur Muldnerhütte nach Freiburg in Sachsen. Die Firma überstand auch diese technologische Umstrukturierung, blieb aber ein relativ kleines Unter­nehmen. Im Jahr 1902 waren neben dem Firmenbesitzer nur ein Prokurist, ein Buchhalter, eine Schreibkraft, ein Probierer, sieben Arbeiter und zwei Lehrlinge beschäftigt.

Die Familie von Theodor und Elise Wieland vergrößerte sich im Verlauf der Jahre: Heinrich wurde am 4. Juni 1877 ge­bo­ren, Eber­hard am 19. Februar 1879, Marie, die später immer Mol­te genannt wur­de, am 8. Januar 1882, Hermannam 26. Feb­ru­ar 1885 und Eva am 19. April 1890. Da Wohnung und Scheideanstalt in einem Gebäude untergebracht waren, nutzten Heinrich und Hermann die Gelegenheit und führten bereits in jungen Jahren im Labor des Vaters chemische Experimente durch. Nach der Volksschule besuchte Heinrich das Großherzogliche Gymnasium Pforzheim und bestand am 11. Juli 1896 das Abitur als Zweitbester seines Jahrgangs. Im Anschluss daran studierte er Chemie in München, Berl­in und Stuttgart. Zu­­rück in München wurde er an der dortigen Universität im Juli 1901 pro­moviert, im De­zem­ber 1904 ha­bilitiert und 1909 zum Pro­fes­sor be­­­rufen. 1917 wechselte er auf eine Pro­­­­fessur an die TH Mün­chen. Aus einer im Jahr 1900 von ihm an Josephine Bartmann verschickten Postkarte ist zu entnehmen, dass er bereits zu dieser Zeit die vier Jahre jüngere Münchenerin kennen gelernt hatte. Offenbar standen seine Eltern dieser Beziehung anfänglich etwas skeptisch gegenüber und erachteten die zukünftige Schwiegertochter als nicht ganz standesgemäß. Die Heirat am 28. März 1908 in München fand daher im kleinsten Kreis, ohne Eltern und Schwiegereltern, statt. Aus dieser Ehe gingen vier Kinder hervor: Wolfgang, geboren am 25. März 1911, Theodor am 5. Juni 1913, Eva am 29. November 1915 und Otto Hein­rich am 21. Mai 1920. Die Ehe galt zeitlebens als ausgespro­chen glücklich.

Mit Beginn des ersten Weltkrieges, Anfang August 1914, änderten sich die Lebensumstände der ganzen Familie. Eberhard Wieland diente an der Westfront als Leutnant bei der Artillerie. Hermann meldete sich als Arzt freiwillig zum Kriegdienst, wurde mehrfach für seine Tapferkeit ausgezeichnet und nach einer Verwundung im Jahr 1917 an das Kaiser-Wilhelm-Institut in Berlin versetzt. Heinrich Wieland wurde zwar im März 1915 als Krankenpfleger ausgehoben, die bayrischen Behörden erwirkten jedoch für ihn eine Unabkömmlichkeitsbescheinigung, da bereits sämtliche Privatdozenten des Institutes einberufen waren und Wieland die Abteilung und das Labor leiten musste. Evas Mann Hermann Heß, der gleichzeitig Mitarbeiter in der väterlichen Scheideanstalt war, fiel am 21.12.1915 an der Westfront. Nachdem Eva die Nachricht vom Tod ihres Mannes erhalten hatte, nahm sich die zweifache Mutter aus Verzweiflung das Leben. Der erschütterte Heinrich eilte nach Pforzheim an das Todesbett seiner Schwester, die zusammen mit ihrem gefallenen Mann am zweiten Weihnachtsfeiertag 1915 beerdigt wurde. Ab März 1917 musste auch Heinrich seinen Kriegs­­dienst am Kaiser-Will­helm-In­sti­tut in Ber­lin-Dahlem ableisten. Dort arbeitete er als Abteilungsleiter an der Entwicklung neuer Kampfstoffe. Diese, als Maskenbrecher bezeichneten Stoffe, wurden von den Filtern der Gasmasken nicht zurückgehalten und führten beim Einatmen zu Atemwegsreizungen. Die so angegriffenen Soldaten rissen sich die Gasmasken vom Kopf und waren den beigemischten Giftgasen schutzlos ausgeliefert. Während seiner Berliner Zeit konnte Wieland seine Münchener Professur beibehalten und pendelte zwischen München und Berlin regelmäßig hin und her. In Berlin fühlte er sich jedoch nicht wohl und litt zusätzlich unter der Trennung von seiner Familie. Die Lebensumstände waren schwierig. Im so genannten „Steckrübenwinter“ 1916/17 mussten die als Futtermittel angebauten Steckrüben als Kartoffelersatz verwendet werden, da die Lebens­mittelversorgung im Reich auf 1.000 Kalorien pro Kopf, der Hälfte des Mindest­bedarfes, gesunken war. In seiner Berliner Freizeit traf sich Heinrich Wieland mit seinem Bruder Hermann und einigen ebenfalls abkommandierten Münchener Kollegen zum Kartenspiel. Insgeheim hoffte er auf einen Verständigungsfrieden, der sich allerdings nicht einstellte. Hermann arbeitete in Berlin im gleichen Institut an der toxikologischen Wirkung des Kampfstoffes Lost. Nach dem Krieg wurde Hermann Wieland Professor für Pharmakologie in Königsberg und später in Heidelberg. In dieser Zeit erkrankte er an Leukämie, die vermutlich eine Spätfolge des Umgangs mit dem Kampfstoff Lost während seiner Tätigkeit in Berlin war. Hermann Wieland starb am 7. Mai 1929 im Alter von nur 44 Jahren.

Heinrich Wieland erhielt bereits während des ersten Weltkrieges mehrere Rufe an andere Universitäten, die er jedoch aus den verschiedensten Gründen ablehnte. 1921 folgte er einem Ruf auf den vergleichsweise kleinen Lehrstuhl für Chemie an der Universität Frei­­burg im Breisgau, der nach dem Tod von Ludwig Gattermann frei geworden war. Dort führte Wieland auch dessen Lehrbuch „Die Praxis des organischen Chemikers“ weiter, das unter seiner Leitung 17 Auflagen erfahren sollte. Außerdem übernahm er 1922 die Redaktion von „Justus Liebigs Annalen der Chemie“, die er bis 1956 fortführte. In Freiburg verbrachte Wieland nach eigener Aussage seine schönsten Arbeitsjahre.

Heinrichs Bruder Eberhard hatte zunächst ein Landwirtschaftstudium begonnen, war dann im Jahr 1902 zur Unterstützung des Vaters in die Firma eingetreten. Die Scheideanstalten hatten sich im Laufe der Zeit als Metalllieferanten neue Geschäfts­felder, beispielsweise für Zahngold, erschlossen. Wegen der steigenden Nachfrage nach Produkten der Firma wurde ein weiteres Gebäude in der Pforzheimer Museumstrasse bezogen und weiteres Personal eingestellt. Die Beschäftigtenzahl stieg im Laufe der Zeit auf rund 80 Mitarbeiter.

Die Inflation des Jahres 1923 brachte jedoch auch die Firma Wieland in immer größer werdende Schwierigkeiten. Theodor Wieland bezeichnete in jener Zeit die Situation der deutschen Wirtschaft als verzweifelt. Selbst seine feinsten Abnehmer würden ihre Rechnungen nicht mehr bezahlen. Andere Kunden erklärten sich zahlungsunfähig, was die Außenstände der Firma in die Höhe steigen ließ. Trotz ausbleibender Aufträge wurde kein Mitarbeiter der Firma entlassen, sondern die Belegschaft an manchen Tagen bereits zur Mittagszeit nach Hause geschickt. Zum Jahresende 1925 schied Theodor Wieland im Alter von 79 Jahren aus der Firma aus und übergab die Leitung an seinen Sohn Eberhard. Theodor Wieland verstarb am 16.09.1928 im Alter von 82 Jahren.

Heinrich Wieland kehrte im Oktober des Jahres 1925 nach Mün­chen zurück und übernahm den be­rühmten Lehrstuhl für Chemie an der Uni­ver­sität, auf dem vor ihm der berühmte Justus von Liebig und die Nobel­preis­träger Adolph von Beyer und Richard Will­stätter gelehrt hat­ten. Auch Heinrich Wie­land er­hielt am 10. Dezember 1928 den No­bel­preis für das Jahr 1927. Damit wurde die gelungene Struk­turaufklärung der Gal­­len­säu­r­en gewürdigt, die als eine der schwierigsten Arbeiten in der organischen Chemie galt. Neben den Gallen­säuren forschte Wieland über orga­nische Radikale und viele Natur­stof­fe mit starker physio­logischer Wir­kung. Erwähnt sei das aus Pflanzen stammende und Muskel ­lähmende Curare, dessen Einsatz ab 1942 erstmals operative Ein­griffe im mensch­­­­lichen Brust­raum ermöglichte.

Mit der Fir­ma Boeh­ringer entwickelten sein Bruder Hermann und er den Einsatz des Atem­ anregenden Lo­­be­lins, das jahrelang das um­satz­stärkste Präparat der Firma wurde. Im Jahr 1931 stieg Heinrich Wieland in den Aufsichtsrat von Boehringer auf.

Zur Grundlagenforschung gehört seine ab dem Jahr 1913 entwickelte Dehy­drier­ungs­the­orie. Diese anfangs mit einfachsten Versuchen entwickelte Theorie wider­sprach der um die Jahrhundertwende vorherrschenden Auffassung von bio­chemischen Oxidationsvor­gängen und führte mit anderen Biochemikern zu einigen heftigen Diskussionen. Im Laufe der Jahre wurde Wielands Dehydrierungs­theorie in praktisch allen Stoff­wechsel­vor­gängen be­­stä­tigt und brachte ihm den Ruf eines her­aus­­ra­genden Bio­chemikers ein­­.

Neben der Forschung war für Wieland auch die Wissensvermittlung von großer Bedeutung. Seine Vorlesungen waren oftmals überfüllt und in seinem Münchener Labor experimentierten über die Jahre hinweg rund 600 Studenten aus dem In- und Ausland. Mit diesen unternahm Wieland in der Freizeit Floßfahrten auf der Isar und Skiausflüge in die bayrischen Berge und zeigte sich dabei von seiner geselligen Seite.

„Betriebsausflug“ genannter Ski-Ausflug aufs „Hörnle“ bei Murnau. Links, Heinrich Wielands Neffe und Doktorand Ulrich Wieland (Nachfolger seines Vaters Eberhard als Inhaber der Firma Dr. Theodor Wieland), rechts zwei Saalassistenten. Bild gegen Ende der 30er Jahre. Foto M. Wieland

Während des Drit­ten Reiches stand Wieland von Anfang an und für alle sichtbar dem NS-Regime ablehnend gegenüber. Er verweigerte konsequent den „deutschen Gruß“, der zu Beginn einer Vorlesung für den Vortragenden zwingend vorge­schrieben war. Ebenso ignorierte er einschlägige Verordnungen gegen rassisch folgte, gegen die ab dem Jahr 1941 ein Studienverbot erlassen wurde. Wie der Wissenschaftshistoriker Freddy Litten erst Ende der 1990er Jahre fand, beschäftige Wieland im Jahr 1943 etwa 25 „Halbjuden“ als Studenten, Doktoranden, technische Assistenten, Laboranten oder Gäste in seinem Labor. Teile seiner Forschung hatte er mit geschickter Argumentation als kriegswichtig einstufen lassen und damit deren Fortbestand gesichert. Trotz des erlassenen Studienverbotes ließ er betroffene Studenten weiter studieren und ihre Prüfungen ablegen. Die Situation am Chemischen Institut verschärfte sich, als im Jahr 1943 einer seiner Studenten, der das letzte Flugblatt der Widerstandgruppe „Weiße Rose“ vervielfältigt hatte, verhaftet und mit anderen des Hochverrats angeklagt wurde. Zum Prozess stellte sich Wieland als Entlastungszeuge zur Verfügung und spendete für die Inhaftierten Lebens­mittelmarken. Zum Tatbestand selbst konnte er allerdings nichts aussagen. Ob Wielands Auftreten vor Gericht die Urteile beeinflussen konnte, ist schwer zu sagen. Für die Angeklagten war sein Auftreten jedoch von hohem moralischem Wert. Wielands widerständiges Verhalten führte zu Denunziationen durch Studenten und zu häufigen Reibereien mit dem Rektor der Universität. Allerdings blieben sie erstaunlicherweise ohne ernsthaftere Konsequenzen. Vermutlich schützten ihn sein internationales Renommee und die guten Verbindungen zur Industrie.

Nach dem Krieg war die Situation in München ausgesprochen trostlos. Nach 73 Luftangriffen lag halb München in Trümmern, darunter Wielands Dienstwohnung und sein Chemisches Institut.

Die amerikanische Besatzungsmacht entließ praktisch alle Mitarbeiter des Chemischen Instituts, verhängte über Wieland Hausarrest und verbot jegliche wissenschaftliche Arbeit. Wielands Starnberger Haus wurde von amerikanischen Truppen besetzt und er in ein kleines Nebenhaus umquartiert. Auch im persönlichen Umfeld musste er Schicksalsschläge hinnehmen: drei von Wielands engsten Freunden, der Nobelpreisträger Hans Fischer, der Chemieprofessor Otto Hönig­schmid und dessen Frau Lia nahmen sich im Verlauf des Jahres 1945 aus Verzweif­lung das Leben. Wieland war darüber zutiefst erschüttert.

Nachdem die Militärregierung neun Monate später Wieland als Professor wieder ein­gesetzt hatte, be­trieb der nunmehr 68-Jährige unter hohem persönlichem Einsatz den müh­­­seligen Wiederaufbau der zer­störten Institutsge­bäude. Zwar war man mit dem Chemischen Institut behelfsmäßig in einem Gebäude der Zoologie unter­gekommen, aber dessen Dach war durch die Bombenangriffe sehr in Mitleidenschaft gezogen. Es regnete und schneite in die Räume hinein und Wieland sah sich zu der sarkastischen Überlegung veranlasst, dort im Winter eine Schlittschuhbahn einzu­richten. Auch für die Versuche in seinen Vorlesungen fehlte es am Allernötigsten. Dazu kam noch die Belastung der Verwaltungsarbeit als Institutsdirektor. Allein die Dienstzimmerkorrespondenz der Jahre 1945-1952 umfasst rund 2.700 Schreiben. Im Jahr 1947 war Wieland daher völlig erschöpft und hatte 25 kg Gewicht verloren. Sein Arzt verordnete ihm einen Erholungsurlaub, den er bei einem Freund in der Schweiz verbrachte. Jener musste vorher gegenüber der Kantonalen Fremdenpolizei in Basel versichern, dass er während der zwei Monate für „Unterhalt und Unterkunft“ seiner Gäste voll aufkommen werde und für die „einwandfreie politische Gesinnung“ des Ehepaares Wieland bürge.

Nach und nach kam der Institutsbetrieb wieder in Gang. Im Jahr 1950 wurde der immer stärker von Altersleiden geplagte Wieland zwar emeritiert, wegen der unge­klärten Nachfolgeregelung musste er jedoch die Institutsgeschäfte weiterführen. Erst am 1. Mai 1952 konnte der nunmehr 75-jähr­ige Wie­land die Institutsge­schäfte an sei­nen Nach­folger Rolf Huisgen übergeben.

Wielands Kinder waren zwischenzeitlich beruflich erfolgreich und für ihn Anlass zur Freude. Wolfgang arbeitete als Chemiker bei Boehringer, Theodor war Professor für Chemie, Otto Professor für Medizin und die Tochter Eva mit dem späteren Nobel­preisträger Feodor Lynen verheiratet. Heinrich Wielands Enkelschar war auf 14 angewachsen.

Zum Ende seines Lebens wurde es still um Heinrich Wieland. Er verstarb fast völlig erblindet am 5. Au­gust 1957 in Starnberg bei Mün­chen.

Tabellarischer Lebenslauf von Heinrich Wieland

Adam Vollmer